Das Ding mit der Verantwortung

Viele Bürger und Bürgerinnen wünschen sich heutzutage mehr Freiheit, Selbstbestimmtheit und politische Teilhabe. Doch wer das will, lädt auch viel Verantwortung auf sich! Kann das funktionieren? Es funktioniert bereits im Freistaat Christiania. Oder?

Einen Urlaub zu planen, ist immer etwas Schönes. Bei meiner heutigen Buchung kribbelt mein Bauch allerdings ganz besonders, denn für mich geht es in die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Und so wie wahrscheinlich die Allermeisten habe auch ich vom Freistaat Christiania gehört, einer autonom organisierten, basisdemokratischen Parallelgesellschaft inmitten des Stadtzentrums, die sich eine vom dänischen Staat und der Europäischen Union völlig unabhängige Kommune schimpft.
Für eine angehende Journalistin wie mich, die sich vorzugsweise für gesellschaftliches Zusammenleben und die Zukunftsfähigkeit unsrer sozialen Konzepte interessiert, ist das natürlich ein spannender Ort.

Also fange ich erst mal an zu recherchieren. Die Geschichte von Christiania ist schnell erzählt: Im Jahr 1971 wird ein verlassenes Militärgelände von einer Gruppe Aussteiger besetzt, teils aus Protest gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in der Hauptstadt, teils aus der Vision heraus, eine freie, unabhängige Kommune zu gründen, die nicht den Regeln des etablierten Systems unterworfen ist und die durch Selbst-Organisation und Eigenverantwortung am Laufen gehalten wird. Es sollte hierbei nicht verschwiegen werden, dass zu dieser Vision eine eigene, sehr liberale Drogenpolitik gehört, die neben der illegalen Landbesetzung für weiteres Eskalationspotenzial sorgt. Dazu aber später mehr. Seither hält sich Christiania hartnäckig gegenüber Konflikten mit den lokalen dänischen Autoritäten, sowie internen Unruhen und blickt mittlerweile auf eine mehr oder weniger erfolgreiche Entwicklung hin zu einer autonomen Gemeinde zurück, die von der dänischen Regierung halbwegs geduldet wird.

Für mich hört sich das ganze erst einmal sehr vielversprechend an, klingt es doch so, als sei hier endlich mal ein positives Beispiel, ja ein Beweis dafür zu finden, dass eine selbstorganisierte, basisdemokratische Gemeinde funktionieren kann, sei es auch im kleinen Rahmen. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der von allen Seiten der Ruf nach mehr politischer Teilhabe des Einzelnen erschallt. Wiederwillen gegen die Autoritäten in einem allzu festgefahrenen System ist etwas, das man aus den linken politischen Lagern schon lange kennt. Doch ist es gerade vor allem auch die politische Rechte, die – freilich aus anderer Motivation heraus – nach mehr direkter Demokratie in Form von Volksentscheiden und Referenden verlangt. Dieser Tage beweist uns der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, wie machtvoll eine Gesellschaft sein kann, die sich politisch einbringen möchte und Entscheidungsrechte einfordert. Egal, wie man diese Entwicklung in der EU bewerten möchte,  sie zeigt eindeutig: Dir heutige Bürgerin nimmt teil, sie macht, statt machen zu lassen und sie gibt sich nicht mit mittelbarer Entscheidungsmacht zufrieden. Der Franzose würde sagen: Der Bourgeois ist zum Citoyen geworden.

Natürlich ist das nun keine neue Erkenntnis. Solche Tendenzen zeigen sich in der Politik und gesellschaftlichen Entwicklung seit Jahren. Viele Pragmatiker fragen aber zurecht: Wie soll man das in einer so heterogenen und arbeitsteiligen Gesellschaft umsetzen?
Vielleicht so wie die Bewohner von Christiania das machen?

Verantwortung ist das Stichwort

Tja, aber wie machen die etwa 900 Christianiter das?
Das offizielle Manifest der Gemeinde Christiania liest sich wie der feuchte Traum aller 68er Aktivisten. Keine Polizei, keine Autoritäten oder Eliten, dafür aber jede Menge Selbst-Organisation.  Alle Entscheidungen werden letztendlich im Plenum getroffen, basisdemokratisch von allen Bewohnern. Einzelne Agenda-punkte werden von eigens dafür gewählten Gremien vorbereitet, alles unter der Flagge der Transparenz und Gleichberechtigung.
Eigenverantwortung ist dabei das Stichwort. Wenn es keine Repräsentanten gibt und auch keine lokalen Autoritäten, dreht sich das Rad buchstäblich nur auf Grund des Beitrags jedes Einzelnen. Daher betont das Manifest: Die Freiheit, seine eigenen Regeln zu machen und selbstbestimmt zu leben sei gleichzeitig auch eine Pflicht, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Soweit so klar.

Und funktioniert das?

Natürlich, bei Lesen des Manifests tauchen auch vor meinem inneren Auge alle Unzulänglichkeiten unserer repräsentativen Demokratie auf: Die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Bürgerinnen. Die ungleich verteilten Machtverhältnisse, die oft mehr auf wirtschaftliche Interessen fokussiert sind, als wirkliche Expertise anzuziehen. Strukturelle Ungerechtigkeiten und der oft auch gefühlte Mangel an Möglichkeiten zur Einflussnahme des Einzelnen.

Trotzdem bleiben für mich Fragen zu dem scheinbaren Demokratie-Paradies Christiania offen. Wie geht es zum Beispiel mit Opportunisten um? Und würde es auch im großen Stil funktionieren? Müssen nicht alle Teilnehmerinnen einigermaßen homogen sein, damit die demokratische Entscheidungsfindung nicht zu schwerfällig wird? Es wird Zeit, diese Fragen direkt an die Christianiter zu richten.

Doch das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht. Einmal in Christiania angekommen, folgt für mich: Der Kulturschock.
Die Straßen sind vollgestopft mit Touristen, die scheinbar alle nur ein einziges Ziel haben: High werden. Denn wie eingangs erwähnt, pflegt Christiania eine lockere Drogenpolitik. Zu ihrer Vision von Freiheit gehört auch der legale Konsum weicher Drogen. Und das wird scheinbar von allen Seiten ausgenutzt. Ganze Reihen von Ständen, die entlang der berüchtigten Pusher-Street Cannabis verkaufen, bedienen hier die immense Nachfrage der Leute. Keiner von ihnen ist selbst ein Bewohner der Gemeinde. Weder auf Verkäuferseite, noch auf der des Konsumenten.
Hier auf der Pusher-Street wird der Drogenkonsum zur Touristenattraktion. Dass die Christianiter außerdem noch eine gesellschaftliche Revolution ins Rollen gebracht haben, interessiert die Drogentouristen scheinbar nicht.

Teilen ja, aber auf den richtigen Pfaden

Hier im Zentrum Christianias wird mir schnell klar: Das Problem an meinem Plan wird nicht sein, eine Bewohnerin dazu zu bringen, sich mit meinen Fragen auseinanderzusetzen, sondern überhaupt eine Bewohnerin zu finden. Ich verlasse deshalb die belebten Straßen und tauche in die Außenbezirke der Kommune ein. Hier treffe ich zwar Menschen, sehe Häuser und Gärten, aber das Ergebnis bleibt das Gleiche. Die Schotten sind überall dicht. Fensterläden verrammelt und mehr als ein höfliches Nicken, ist aus den Leuten auf der Straße nicht rauszubekommen. Ich habe mich selten so wenig willkommen gefühlt.
Etwas enttäuscht komme ich ins Sinnieren. Wenn ich etwas so revolutionäres erreicht hätte, wie diese Menschen, würde ich das doch jedem mitteilen wollen. Glaube ich zumindest. Andererseits benehmen sich die Touristen da drüben auf der Pusher-Street schlimmer als am Ballermann. Darauf hätte ich als Bewohnerin sicher auch keine Lust.

Ich beschließe, dass das der falsche Weg ist und verlege mich stattdessen auf eine ganz formale Presseanfrage an die offizielle Pressestelle von Christiania. In der Zwischenzeit recherchiere ich noch ein Wenig über Christiania und stelle etwas überrascht fest, dass die Kommune auch in anderen Presseberichten nicht besonders gut wegkommt. Spiegel Online berichtet mehrmals kritisch[1], sogar Der Freitag lässt kein gutes Haar an Christianias ewigem Drogen-Drama[2] und meine Anfrage bleibt auch unbeantwortet.
Ist der Traum vom freien und selbstbestimmten Christiania am Ende doch nur eine Utopie und die Realität voller Schattenseiten? Vielleicht. Und trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für das Projekt brechen: Christianiter kämpfen seit Jahren für ihre Vision, wohlwissend, dass sie nicht perfekt ist. Tagtäglich setzen sie sich mit dem etablierten System auseinander, sei es durch Touristen-führungen über das Gelände oder durch Verhandlungen mit der lokalen Regierung.
Und für jeden, der fragt, wie man die Demokratie auch hier zulande direkter gestalten und zu mehr Mitspracherecht gelangen könnte, haben sie eine Antwort: Übernehmt Verantwortung und bringt euch ein. Erwartet nicht, dass andere es für euch übernehmen, eure Stimme zu erheben. Dem Pragmatiker antworten sie, richtig, es nicht einfach. Es gibt Konflikte und es gilt Heterogenität unter einen Hut zu bringen, aber wir meistern das seit fast 50 Jahren und sind nur knapp 1000. Was könntet ihr 82 Millionen Deutsche tun?

[1] https://www.spiegel.de/einestages/freistaat-christiania-in-kopenhagen-die-kinder-der-hippies-a-1126684.html; https://www.spiegel.de/einestages/40-jahre-christiania-a-947125.html.; https://www.spiegel.de/reise/staedte/freistadt-christiania-auf-eigene-gefahr-a-644473.html.

[2] https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/hasch-haescher.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Schöner Bericht! Verantwortung übernehmen ist immer wichtig. Sei es für sich selbst in seinem Leben, sei es gesellschaftlich. Da spielt jeder noch so kleine Schritt eine Rolle: Nicht wegsehen, wenn etwas passiert, weniger Müll produzieren, zur Wahl gehen, keine Produkte von Konzernen kaufen, die die Umwelt schädigen oder die Menschenrechte missachten usw. Dabei spielt nicht nur der (vielleicht kleine) Effekt eine Rolle, sondern vor allem auch die Einstellung und das Beispiel. Und nicht selten sehen wir ja auch, dass Einzelne sehr viel erreichen können, wenn sie entsprechend auftreten und/oder sich zusammenschließen. Greta und Fridays for future ist ein Beispiel dafür. Oder die Menschen in Algerien, die es jetzt geschafft haben, ihren Uralt-Präsidenten zum Rücktritt zu bewegen. Oder die Montagsdemos zum Mauerfall 1989.

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