Jessy James Lafleur gibt geflüchteten Jugendlichen eine Stimme

Bei ihren Workshops zum Thema Schreiben und Performen gibt Spoken Word Künstlerin Jessy James Lafleur Jugendlichen die Gelegenheit, mit ihren eigenen Texten Emotionen zu verarbeiten und gehört zu werden.

Wir treffen uns am Bahnhof, denn die Spoken Word Künstlerin Jessy James Lafleur kommt morgens mit dem Zug aus Leipzig. Sie ist dort um sechs eingestiegen, doch auf ihrem Gesicht liegt keine Spur von Müdigkeit. Sie redet ununterbrochen, während sie schwungvoll ihren Koffer hinterdrein rollt, dem sie einen Namen gegeben hat.
Bis jetzt kannte ich Jessy nur als poetry slamerin und bin durch facebook auf ihre Workshoparbeit mit Jugendlichen aufmerksam geworden. Nun sind wir auf dem Weg zu genau einem solchen Workshop.

Jessy wird von Schulen und Institutionen wie etwa Jugendzentren beauftragt. Früher musste sie Anfragen stellen, erzählt sie, heute hat die Selbstständige mehr Angebote als sie annehmen kann. Die Künstlerin ist von Kopf bis Fuß self-made. Sie hat weder ein Studium, noch eine Ausbildung gemacht. Mit sechzehn einen Realschulabschluss, das schon, dann der Auszug von zu Hause, denn ihre Entscheidung, sich als Künstlerin selbstständig zu machen kostete sie die Unterstützung ihrer Familie. Umso mehr beweist ihr Erfolg nun, dass sie recht daran getan hat.

Die Schulklasse, die an dem Workshop teilnehmen wird, besteht rein aus Geflüchteten. Das ist nur eine der Zielgruppen ihrer Arbeit. Medieninteresse hatte Jessy zuletzt auch schon mit ihren Workshops in Hochsicherheitsgefängnissen geweckt. Im Moment konzentriert sich die 33-Jährige jedoch vor allem auf Schulen in Sachsen und Brandenburg, wo nicht nur Wahlergebnisse die Radikalisierung vieler Menschen bezeugen, sondern auch Aufmärsche und politisch motivierte Verbrechen.
Egal wie unterschiedlich die Teilnehmer*Innen der Workshops sind, ob Geflüchtete, Gefängnisinsassen oder rechtsgesinnte Jugend, das Konzept ist überall das Gleiche: Einen friedlichen Dialog anbieten, zuhören und die Chance geben, durch das Schreiben und Performen eigener Texte Emotionen zu kanalisieren und Erfolgserlebnisse zu verzeichnen.

 

Ich begleite Jessy zunächst als stille Beobachterin mit der Kamera durch den Workshop, so zumindest der theoretische Plan. Doch als ich die Klasse kennenlerne und die Arbeit beginnt, wird mir sofort klar: Die Rolle der passiven Begleiterin reicht mir nicht. Ich will mitmachen, lernen, schreiben und zuhören. Mit ihrer einnehmenden Art und genau der richtigen Mischung aus Fordern und Freiraum-lassen, fängt Jessy mich genauso ein, wie die Jugendlichen.
Obwohl die meisten unsicher sind, manche traumatisiert und alle in der Pubertät, findet Jessy bald eine gemeinsame Wellenlänge auf der sie die Kinder erreicht. Am Ende der Woche sollen alle mindestens einen selbst geschriebenen Text vor einem größeren Publikum vortragen. Jessys Ziel, so sagt sie, ist dass jeder Einzelne seine persönlichen Grenzen überwindet und etwas schafft, dass er sich vorher nicht zugetraut hätte.

Sobald die Teilnehmer*Innen ins Schreiben kommen wird klar, dass ihre Themen sehr einschlägig sind: Ihre Texte kursieren fast ausschließlich rund um Krieg, Flucht, Heimat und Familie. Für viele ist die deutsche Sprache eine Barriere, aber sie haben viel zu sagen und so wird Google-Übersetzer unser zentrales Werkzeug. Schreiben, Übersetzen, Üben, Vortragen; Das ist der wiederkehrende Zyklus in dessen Zeichen unsere Arbeit steht. Wir Erwachsenen versuchen zu helfen, wo es geht. Als  am Ende eines Tages die Texte vorgetragen werden, bin ich abwechselnd beeindruckt, schockiert und oft den Tränen nah, wenn Suhail seine Mitmenschen beklagt, die als Obdachlose auf der Straße leben müssen, wenn Beri endlich das Ende von Vergewaltigung und Frauenunterdrückung fordert oder Atefeh eloquent die Rote Armee dafür anklagt, ihr Land seiner Freiheit beraubt zu haben.
Mir wird klar, dass diese Jugendlichen hier nicht nur lernen, Texte zu schreiben und vorzutragen. Sie bekommen die Möglichkeit ihre Erfahrungen zu verarbeiten, die oft schrecklich sind, ihre Stimme zu erheben und gehört zu werden. Eigentlich hätten sie ein Millionen-Publikum verdient.

"Wisst ihr was? Ich hasse Vergewaltigung. Weil Vergewaltigung einfach scheiße ist. Punkt! Ich frage mich: Warum machen Männer so etwas? Vielleicht weil den Männern nie etwas passiert, aber den Frauen schon: Sie werden schwanger, sie werden verstoßen, man zerstört ihr Leben. Man zerstört ihre Seele!"
Beri, 17
Schülerin

Vielleicht nicht Millionen, aber einige Zuhörer kann Jessy ihnen verschaffen. Durch ihre Kunst hat sie in den sozialen Netzwerken eine gewisse Reichweite erlangt und nutzt diese, um die Beiträge der Jugendlichen zu verbreiten, aber auch für ihre eigenen Anliegen, denn Jessy sieht die Spoken Word Szene als Schauplatz friedlicher Politik. Zuletzt veröffentlichte sie ein emotionales Video, in dem sie über ihre eigene Teenager-Schwangerschaft, inklusive Abtreibungsberatung und Fehlgeburt spricht und für das Selbstbestimmungsrecht von Schwangeren vor dem Gesetz plädiert. Das Video wurde von den Zuschauern über 1000 Mal angeklickt.
Mich beeindruckt Jessy im Laufe der Woche immer wieder mit ihren politischen Aussagen und beweist mir zweifelsfrei, dass man keineswegs studiert haben muss, um ein breites Allgemeinwissen zu haben und sich eine fundierte Meinung über das politische Weltgeschehen anzueignen. So werden die Mittagspausen des Workshops regelmäßig zu Diskussionsrunden über berufliche Selbstbestimmung oder Feminismus in den Werken Goethes und die abendliche U6 zur Bühne für flammende Reden über critical Whiteness in der Poetry Slam-Szene.

Ein Thema, das Jessy besonders bewegt ist der immense Zuwachs, den rechte Parteien bei den Europawahlen gerade in den neuen Bundesländern verzeichnen konnten. Sie ist überzeugt, dass eine fremdenfeindliche Gesinnung auch schon bei Kindern und Jugendlichen durch deren Sozialisation ankommt und möchte aktiv gegensteuern. Deshalb bietet sie Workshops in vielen Schulen und Institutionen in Sachsen und Brandenburg an, wo die AfD zurzeit besonders erfolgreich ist. Um sich dieser Arbeit widmen zu können, hat sie ihren Wohnsitz vorläufig komplett nach Sachsen verlegt. Jessy sieht deutlich, dass weiterhin ein schwelender Konflikt zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern existiert. Viele Menschen in Ostdeutschland sind immernoch benachteiligt, was Infrastruktur, berufliche Chancen und Bezahlung angeht. Und das ist kein Gerede, ganz reale Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, dass die Quote von Arbeitssuchenden um fast ein Drittel höher liegt, während die Bezahlung um über 20% geringer ausfällt. Die Abwanderungszahlen junger Menschen aus ostdeutschen Bundesländern sprechen immernoch eine deutliche Sprache.
Es ist deswegen kein Wunder, dass Jessy bei ihren Workshops eine frustrierte, hoffnungslose und wütende Haltung bei den Jugendlichen wahrnimmt, die sich – gerade von der Politik – im Stich gelassen fühlen. Bei den Workshops können sie ihre Wut niederschreiben, ihr Luft machen und hegen sogar die Hoffnung, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen werden. Durch das Performen vor einem lauschenden und applaudierenden Publikum sollen sie sich stark und wertvoll fühlen. Jessy hofft, dass sie dadurch weniger empfänglich für Angst und Hass werden.

Ich merke auch, dass Jessy selbst den Jugendlichen ein positives Gefühl gibt, denn wo sie geht und steht, überschüttet sie die Menschen um sich herum mit ehrlichen Komplimenten und wahrer Begeisterung. Ihre Art ist gerade heraus, wertschätzend und warmherzig und das wirkt sich auf die Atmosphäre in den Workshops aus. Die Jugendlichen mögen sie und fassen Vertrauen zu ihr. Als die Woche vorüber ist und alle an der großen Abschlussaufführung teilgenommen haben, werden Jessy und ich von einer Teilnehmerin zum Abendessen bei ihrer Familie eingeladen. Die 17-Jährige lebt mit ihren Eltern und den fünf Geschwistern schon seit mehr als drei Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft. Wir gehen mit und werden von der Familie freundschaftlich empfangen. Zwar haben sie nur drei Zimmer, die Wände sind aus Pressspan und alle Familien auf der Etage teilen sich Bad und Küche, doch trotzdem sind wir herzlich willkommen und es wird ein wundervoller Abend unter Freunden.
Ich lasse die Kamera stecken und genieße einfach die Zeit mit diesen wunderbaren, starken Menschen, die so viel erlitten haben und trotzdem Fremde in ihrem Haus willkommen heißen. Mir wird klar: Jessys Arbeit bewirkt viel, viel mehr, doch alleine dafür hätte sie sich schon gelohnt!

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